Von der Provinzrealschule zum Gymnasium mit internationaler Ausrichtung

Im 19. Jahrhundert wurde auch in der Provinzstadt Gießen der Ruf nach einer Schule für das selbstbewusster werdende Bürgertum immer lauter. Diese sollte sich – in Abgrenzung zu den klassische Bildung vermittelnden Gymnasien- stärker auf die „Realien“ konzentrieren, also Naturwissenschaften und lebendige Sprachen. Im April 1837 also wurde die Schule eröffnet als Provinzrealschule, also aus Mitteln des Großherzogtums Hessen und der Stadt Gießen.

Gebäude in der Weidengasse 5

(Gebäude in der Weidengasse 5)

Anfangs hatte diese Schule etwa 100 Schüler und acht Lehrer. Bald wurde das erste Schulgebäude zu klein und man zog in ein größeres um, an die Stelle, wo heute die Kongresshalle steht. Das war 1856. In den 70er-Jahren des 19.Jahrhunderts war die Zahl der Schüler – also keine Schülerinnen – auf fast 300 gestiegen, nachdem die Abschlüsse der Realschule aufgewertet worden waren. 1876 wurde schon wieder ein neuer Bau nötig, diesmal in der Ludwigstraße. Aber immer noch war die Schule eine Realschule II. Ordnung, die so etwas wie ein Abitur nicht vergeben durfte. Das änderte sich erst, als die Schule 1880 den königlich-preußischen Realschulen gleichgestellt wurde, denn das hieß, dass die Abiturienten bestimmte Fächer studieren durften. Aus der Realschule wurde das Realgymnasium. Eigentlich gab es also zwei Schulformen unter einem Dach: die alte Oberrealschule und das neue Realgymnasium. Und als der Platz wieder einmal knapp wurde, weil es um 1914 herum fast 1000 Schüler gab, da entschloss man sich, die Schulen auch räumlich und organisatorisch zu trennen. Das Realgymnasium setzte seine Arbeit mit immerhin noch fast 300 Schülern und 15 Lehrern fort, immer noch keine Schülerinnen, keine Lehrerinnen. Auch für das Realgymnasium hat der Krieg, der 1914 begonnen wird, katastrophale Folgen: 9 Lehrer und 25 von 30 Schülern (nach einem Notabitur) verlassen die Schule, um in die Schlachten zu ziehen, die sie für ihre vaterländische Pflicht zu halten man ihnen beigebracht hatte. 23 Opfer hat der Krieg dann auch in der Schulgemeinde gefordert. In de 20er Jahren war wohl die Schule von Diskontinuität geprägt, etwa sichtbar in den häufigen Schulleiterwechseln.

NS-Zeit

In der Zeit des Faschismus war das Realgymnasium dann wie die meisten Schulen von den Vorstellungen, die die faschistische Ideologie von Bildung und Erziehung hatte, dominiert: Rassen- und Vererbungslehre in Biologie, Wehrsport, die Ablehnung von Schülern mit körperlichen Einschränkungen Im Jahr 1938 dann wurde auch der Name geändert: Aus dem Realgymnasium wurde die Langemarckschule. Benannt ist sie nach dem Ort einer blutigen Schlacht im ersten Weltkrieg. Kein Schüler jüdischer Tradition oder jüdischen Glaubens legte nach der Übergabe der Macht durch das Parlament an Hitler ein Abitur an der Langemarckschule ab. Vorher hatte der Anteil jüdischer Schüler relativ kontinuierlich bei 6% gelegen. Was mit diesen Schülern geschah, kann man sich denken, auch wenn man es im Einzelfall nicht weiß. Als die Diktatoren sich für ihren „totalen Krieg“ bejubeln ließen, konnte von regulärem Unterricht natürlich keine Rede mehr sein. Zum zweiten Mal in 25 Jahren marschierten die Schüler mit dem Zeugnis in der Hand auf die Schlachtfelder, wieder von einigen ihrer Lehrer in den Tod begleitet. Das Militär zweckentfremdete Schulräume, Lehrer fehlten und nächtliche Bombenangriffe machten Unterricht kaum möglich. Kinder wurden zu Kriegsdiensten oder zum Ernteeinsatz verpflichtet. Teile der Schülergruppen wurden wegen der zunehmenden Bombenangriffe nach Grünberg verlegt. Anfang Dezember 1944 wurde das Schulgebäude völlig zerstört. Unterricht hatte wohl ohnehin kaum mehr stattgefunden.

Nachkriegszeit

Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges war die Schule, wie alle anderen auch, damit beschäftigt, die Schule von all dem Personal und Material zu befreien, das den Makel des faschistischen Gedankenguts trug. Noch 1945 wurde die Schule in Altes Realgymnasium umgetauft. Der Lehrbertrieb in der Oberstufe fand nach einigen Jahren dann in einem naturwissenschaftlichen und einem sprachlichen Zweig statt. Nach noch einmal über 10 Jahren, 1956, erhielt die Schule ihren bislang letzten Namen, Herderschule. Der Name bot sich insofern an, als Herder in der Stadt Mohrungen geboren ist, das liegt im früheren Ostpreußen, und die Stadt Gießen ist ihre Partnerstadt. Einmal allerdings sollte der Name noch geändert werden.

Die Herderschule wird Gesamtschule

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Als die Herderschule mit der Alexander-von-Humboldt-Schule zu einer schulformbezogenen Gesamtschule fusionierte, da sollte sie Gesamtschule Gießen-West heißen. Hinter dem Begriff „schulformbezogen“ verbirgt sich die Tatsache, dass hier Schüler verschiedene Zweige unter einem Dach lernen, aber außer in der Förderstufe kaum zusammen unterrichtet werden. Von diesem Ansinnen der Umbenennung ließ man aber wieder ab – aus Gründen, die irgendwo in der Politik liegen dürften. In die heutigen Räume der Schule zog man in den 70er Jahren, nun als koedukative Schule, mit Mädchen in der Schülerschaft und richtigen Lehrerinnen. Ebenfalls um diese Zeit begann die Reform der Oberstufe, also mit einem Kurssystem und Leistungskurse, neuen Fächern, von denen einige heute fast nicht mehr existieren (Psychologie…), andere sind etabliert (Informatik). In den letzten Jahren waren die Veränderung nicht weniger dramatisch, wie etwa die Abschaffung des Samstagsunterrichts, der Bilingualunterricht in Englisch und letztendlich die Aufteilung der kooperativen Gesamtschule in das Gymnasium Herderschule und die neue alte Alexander-von-Humboldt-Schule.

 G8 und Internationalisierung

Es folgte die Wende in der hessischen Bildungspolitik hin zu einer Schulzeitverkürzung in Form von G8 und eine Phase der Gewöhnung an das neue achtjährige Abitur. In den letzten Jahren schärfte die Herderschule besonders ihr internationales Profil und bietet nun viele Möglichkeiten anerkannte Sprachzertifikate zu erwerben (Certi Lingua). Seit 2011 bietet die Herderschule  das International Baccalaureate (IB)-Diplom (internationale Abitur) als zusätzlichen, international anerkannten Schulabschluss neben dem Abitur an und ist Mitglied der International Baccalaureate Organization in Genf geworden. Die Herderschule ist die einzige IB-World-School zwischen Frankfurt/M., Göttingen und Bonn. Seit 2013 alle anderen Gießener Schulen zu G9 zurückgekehrt sind, ist die Herderschule die letzte verbliebene Schule der Region, die im Rahmen eines Schulversuchs noch G8 anbietet – parallel zum neunjährigen Abitur, das nun ebenfalls wieder erworben werden kann.

Sanierungsmaßnahmen

Bereits 2010 wurde das Gebäude C, welches die Oberstufe und die Naturwissenschaften beherbergt, umfassend saniert und zeitgemäß ausgestattet. Über eine Sanierung des Hauptgebäudes wurde zu diesem Zeitpunkt ebenfalls bereits seit Jahren diskutiert und im Jahre 2013 waren Sanierungsmaßnahmen im Ostflügel bereits in vollem Gange, als Messungen ergaben, dass die PCB-Belastung im Hauptgebäude eine weitere Nutzung unmöglich macht. Um den Verlust des Hauptgebäudes zu kompensieren, wurden auf dem Schulgelände über 50 Unterrichtsräume und Büros in Containern errichtet. Was sich zunächst wie ein Rückschlag anfühlte, erwies sich als eine Art Zeitraffermodernisierung, von welcher der Unterricht sehr profitiert. Innerhalb von drei Monaten wurden in den Containern moderne und ruhige Unterrichtsräume eingerichtet, die durchweg mit Smartboards, Beamern und internetfähigen PCs ausgestattet sind.

Die Stadt Gießen hat im Juli 2014 beschlossen, dass Hauptgebäude der Herderschule für 15 Millionen Euro umfassend zu sanieren. Wir sind gespannt auf das Ergebnis.

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