Jonathan Beyer: Der Eisbecher

Mein Name ist Christian Gerlach.
[Nein, eigentlich nicht. Mein Name ist Jonathan Beyer aber ich gebe eine Geschichte von Christian Gerlach wieder. Deswegen könnte es auch sein, dass Herr Gerlach die Geschichte vielleicht etwas anders erzählt als ich.]
Ich wohne in einem Ort, den ich jetzt nicht nennen will, und bin fünfunddreißig Jahre alt. Ich bin der Betreiber eines kleinen, von meinen Eltern vererbten Fahrradgeschäfts und habe somit einen ziemlich ruhigen Job. Ich lasse die Leute eben ihr Fahrrad aussuchen und das war‘s dann. Aber das Geschäft läuft ganz gut, weil die Leute mich kennen und wissen, dass ich sie überhaupt nicht dabei stören werde, wenn sie sich mitnehmen, was sie brauchen.
Es ist also ein recht guter Job. Er ist ziemlich sicher, und ich habe keine besonderen Verpflichtungen. Das Leben ist für mich geradezu wunderbar.

Zu einer Zeit lief mein Fahrradgeschäft so wunderbar, dass ich sogar einmal einen schönen Tag in der Stadt verbringen wollte. Ich wollte Klamotten, Schuhe und vielleicht noch ein paar andere Sachen kaufen gehen [ja, auch wir Männer gehen ab und an im Jahr shoppen!]. Ich fuhr mit dem Bus dorthin. Als Strafe dafür, dass der Busfahrer zwei Minuten zu spät war, beschloss ich, mir mit ihm einen kleinen Scherz zu erlauben. Dazu beschloss ich, mich doof zu stellen, was immer recht lustig werden konnte. An diesem Tag war das auch kein Problem, ich kannte weder den Busfahrer noch die anderen Personen im Bus, die „nicht von hier“ zu seien schienen, also würde ich mich im Ort nicht blamieren und unbeliebt machen.
Ich war der Einzige, der einstieg. „Ich hätte da mal eine Frage“, sagte ich zu dem Busfahrer.
„Ja was dann?“, fragte der Busfahrer zurück.
„Ich habe gehört, schwarzfahren tät vierzig Euro Kosten. [Ich legte eine besondere Betonung auf ‚tät‘, um den Eindruck zu vermitteln, ich wäre wirklich ein bisschen hängengeblieben. Ich klang schon wie Martin Schneider.] Also was ich wisse wollte ist, ob ich Ihnen das jetzt gleich geben soll oder nach der Fahrt erst.“
„Sie wollen in meinem Bus schwarzfahren und dann dafür die Strafe bezahlen?“
„Ei ja.“
Der Busfahrer schien schon etwas gereizt.
„Sind Sie denn eigentlich blöd? Kommen Sie, Sie sagen mir jetzt, wo Sie hinwollen, dann geben Sie mir das Geld dafür, aber hören Sie auf mit diesem Blödsinn hier!“
„Aber ich wollte doch schwarzfahren…“
„Wozu denn, geben Sie mir doch das Geld gleich hier! Wer hat Ihnen eigentlich eingeredet, Sie müssten schwarzfahren?“
„Man sagte mir, das wäre billiger…“
Der Busfahrer stöhnte einmal laut. So etwas hatte er wohl auch noch nicht erlebt.
„Kommen Sie, gehen Sie einfach durch“, meinte er seufzend.

In der Stadt aß ich zur Mittagszeit eine Currywurst, und danach gleich noch eine, dann machte ich mich auf den Weg zu all den Geschäften, in denen ich etwas kaufen wollte. Anschließend wollte ich noch etwas bummeln und mir vielleicht noch ein Eis gönnen.
Innerhalb von einer Stunde hatte ich alles gefunden, was ich brauchte, und auch das Bummeln „brauchte nicht lange“: Schon bald war ich soweit, dass ich mir ein Eis holen wollte. Ich suchte eine Eisdiele, stellte mich fast eine geschlagene halbe Stunde lang in die Schlange und bekam dann meine vier Kugeln im Becher, die ich gemütlich und ohne Eile in einer weiteren halben Stunde aß.
Als ich das Eis nun fertig gegessen hatte, musste ich den Becher selbstverständlich entsorgen. Da ich nicht zu den Personen gehöre, die so etwas einfach so auf den Boden schmeißen, musste ein Mülleimer her. Allerdings gab es – wie immer, wenn man etwas braucht – weit und breit keinen Mülleimer. Ich begab mich also auf die Suche. Schon nach zwei Minuten kam ich mir ziemlich blöd vor, wie ich da durch die Stadt lief, einen leeren Eisbecher mit dazugehörigem Löffel in der Hand, und einfach nirgendwo einen Mülleimer fand.
In dem ich immer weiter ging, hoffte ich, einen Mülleimer zu finden. Ich fand aber keinen. Allerdings sah ich einen Mann, der genauso verwirrt schien wie ich, was bei ihm aber daran lag, dass niemand ihm eines der Bücher abnehmen wollte, die er versuchte, unter die Leute zu bringen. Neugierig geworden kam ich näher, um zu sehen, was die Leute von ihm nicht haben wollten. Er sah mich mit meinem Eisbecher in der Hand herannahen und hoffte wohl, dass er wenigstens mir noch ein Buch in die Hand drücken zu können, denn er kam mir einen Schritt entgegen.
„Guten Tag!“, sagte er laut. „Haben Sie Interesse an einem Buch? Es ist auch gratis, eine Art Leseprobe quasi!“
„An welchem denn?“, fragte ich zurück.
Er ging zurück zu seinem Tisch und nahm ein in grünes Leder eingebundenes Buch vom Stapel. „Das hier.“
„Ja, ich nehme eins. Wie heißt es denn?“
„Es heißt ‚Koran‘.“
„Aha. Kenn ich nicht. Vielen Dank.“
Ich nahm das Buch in meine freie Hand und drehte mich um. Nach ein paar Metern wollte ich schon einmal in das Buch hereingucken. Das war nicht ganz einfach, weil ich noch den Eisbecher in der Hand hatte. Ich schlug das Buch auf, klappte es sofort wieder zusammen, drehte mich um und gab dem Mann das Buch zurück.
„Nehmen Sie es. Ich brauche es doch nicht.“
„Wieso denn? Behalten Sie es doch!“ Er drückte es mir wieder in die Hand.
„Nein! Ich kann es nicht mal lesen! Das ist Arabisch! Was soll ich denn damit?“
„Ja lesen vielleicht?“
„Aber ich kann kein Arabisch!“
„Dann lernen Sie es doch!“
„Ich will es aber nicht lesen! Wieso sollte ich deswegen Arabisch lernen? Niemand kann oder lernt Arabisch!“ Ich wandte mich an einen Passanten. „Können Sie Arabisch?“
Der Mann sah mich mit meinem Eisbecher einen Moment an und fragte dann: „Ja, wieso?“
„Sehen Sie?“ Ich wandte mich an den Mann mit den Büchern. „Niemand hier kann Arabisch! Wieso verteilen Sie hier Arabische Bücher?“
„Warum laufen Sie mit einem leeren Eisbecher durch die Straßen, anstatt ihn, wie jeder andere auch, einfach auf die Straße zu schmeißen?“
„Das ist eine andere Frage. Antworten Sie mir! Warum haben Sie dieses Buch nicht auf Deutsch?“
Er seufzte.
„Arabisch ist nun einmal die Sprache, in der solche heiligen Bücher des Islam, wie auch der Koran, geschrieben sind“, erklärte er langsam.
„Islam?“ Ich brauchte einen Moment, bis ich begriff. „Gehören Sie etwa zu dieser Scharia-Polizei, die überall heiligen Schriften des Islam verteilt, um die Menschen nach Syrien zu locken?“
„Nein, da verwechseln Sie jetzt einige Sachen. Ich bin nur ein friedlicher Mensch, der den Leuten Korane gibt, damit Sie nachlesen können, dass wir Muslime eine friedliche Botschaft verkünden wollen, und damit Sie sehen, dass wir mit den Salafisten nichts zu tun haben wollen.“
„Aber die Menschen wollen keine Korane.“
„Ja. Sie wollen meine Botschaft nicht hören. Sie wollen weiter glauben, wir Muslime seien alle gewaltbereite Fanatiker.“
„Ich glaube, Sie können einfach kein Arabisch.“
„Dann sollen Sie es doch lernen!“
Ich sah ihn lange an. Die Leute liefen an mir vorbei und beobachteten meinen Eisbecher und meinen Koran.
„Ich glaube, jetzt habe ich Ihr Problem verstanden“, stellte ich fest.
Er nickte.
Wir schwiegen beide.
Nach einer Weile fragte ich wieder nach: „Und was mache ich jetzt mit dem Koran?“
Er seufzte. „Ach, machen Sie damit, was Sie wollen behalten Sie ihn, bis Sie eines Tages doch Arabisch lernen oder geben Sie es jemanden, der es schon kann.“
„Ich werde ihn wohl eher mit dem Eisbecher im nächsten Mülleimer entsorgen, wenn ich heute noch einen finde“, dachte ich. Leider dachte ich laut.
„Wie bitte?“, war die entrüstete Antwort des Mannes. Ich musste daran denken, dass ich irgendwann einmal gehört hatte, heilige Bücher müssten geehrt werden, und das Entsorgen eines Korans wäre (vom Standpunkt eines Moslems aus gesehen) gottlos.
Ich schwieg verlegen, während der Mann mich wütend ansah.
„Ähm … das war jetzt ziemlich blöd von mir, oder?“, fragte ich. Ich schämte mich schon. Meine vorlaute Klappe!
„Ehrlich gesagt beleidigt es mich und meine Religion zutiefst, einen Koran mit einem Eisbecher zu vergleichen.“
„Ähm… okay… das tut mit jetzt leid… kann ich das jetzt irgendwie wieder gutmachen?“
„Da ich nicht annehme, dass Sie konvertieren wollen, bliebe nur noch übrig, Arabisch zu lernen und den Koran zu lesen“, antwortete der Mann, der seine Chance witterte, mich doch noch zum Lesen des Korans zu bringen. [Später fiel mir ein, dass er diesen Satz wahrscheinlich nicht unbedingt ernst gemeint hatte, und dass er eigentlich gar keine solche „Buße“ wollte.]
„Ähm… Was von den beiden Sachen geht schneller? Konvertieren oder Arabisch lernen?“
„Konvertieren, glaub ich.“ Der Mann war wieder einmal verwirrt, weil er nicht geglaubt hatte, dass ich wirklich eines von diesen Dingen tun würde. Aber es war so. Wenn ich den Mann damit glücklich machte, war es mir recht, denn ich war sowieso nur sehr selten in der Kirche. Und auch als Moslem durfte man an Weihnachten in die Kirche gehen. Nur nicht mitbeten. Es würde also kaum auffallen. Und ich musste es ja auch niemandem sagen.
„Also, wie geht das jetzt?“ Ich war schon ein wenig ungeduldig, denn ich stand dort immer noch mit einem Eisbecher in der Hand, den ich gerne auch bald mal loswerden wollte.
„Also gut… Sie müssen nur einmal als Muslim Ihren Glauben bekennen… aber sind Sie sich wirklich sicher?“
„Egal jetzt. Sie wollen es doch auch so, oder?“
„Sie müssen nur einmal sagen: aschhadu an la-ilaha-ill-allah wa aschhadu anna muhammadan rasulu allah.“
„Noch mal bitte.“
„Aschhadu an la-ilaha-ill-allah wa aschhadu anna muhammadan rasulu allah.“
„Aschdu lanaliha illala wa aschdu anna mohammedan rasulfu allah.“
„Nein.“ Er wiederholte es noch einmal. Ich versagte beim Nachsprechen erneut. Auch das nächste Mal danach.
„Können Sie das nicht aufschreiben?“
„Nein, das ist Arabisch, das können Sie nicht lesen.“
Wir versuchten es noch einmal. Vergeblich.
Der Mann atmete tief ein. „Ich habe so ein bisschen das Gefühl, Sie sind zu nichts zu gebrauchen, kann das sein?“
„Ja, das Gefühl habe ich auch manchmal.“
„Kommen Sie, geben Sie mir den Eisbecher. Bis Sie hier einen Mülleimer gefunden haben, haben selbst Sie den Koran schon lange gelesen.“