Clara Becker: Mr. Walkers Tochter

Der Herbst, in dem ich zu meiner Schwester nach New York zog, war schrecklich regnerisch, aber das war nicht der einzige Grund, wieso ich immer wieder bei ihr im Museum war. Ich wollte anfangen zu studieren und da ich außer ihr niemanden in dieser riesigen Stadt kannte, wohnte ich erst einmal in der kleinen Wohnung meiner Schwester. Tessa war acht Jahre älter als ich und arbeitete seit einiger Zeit im Museum of Modern Art. Was genau sie da tat, war mir schleierhaft, was aber vielleicht auch an meinem mangelnden Interesse lag. Im Gegensatz zu Tessa hatte ich mich nie für moderne Kunst interessiert, geschweige denn für irgendeine andere Form der Kunst. Mir hatte sich noch nie erschlossen, was an diesen Bildern und Skulpturen so interessant sein sollte, wenn sie nicht einmal besonders schön waren. Vielleicht hatte ich auch einfach den falschen Geschmack… Daher kann ich auch nicht sagen, was mich damals dazu brachte, einzuwilligen, als Tessa mich gleich am dritten Tag mit zur Arbeit nehmen wollte. „Ich kann dich wirklich nicht verstehen“, sagte sie kopfschüttelnd, „Wenn du in New York lebst, musst du auch mal das MoMA gesehen haben. Außerdem arbeite ich da!“ „Das was?“, fragte ich irritiert, „ich dachte du redest von deiner Arbeit…“ „Ja Schwesterherz, das M-o-M-A, Museum of Modern Art! Sieh es dir einfach mal an. Wenn du erst mal da bist, wirst du es mögen.“ Meine Schwester grinste mich an und schob mich sanft aber energisch aus der Wohnungstür. „Wenn du erst mal da bist, wirst du es mögen“ – mit diesem Satz hatte sie mich schon oft rumgekriegt, aber diesmal war ich mir ziemlich sicher, dass es mir nicht gefallen würde, dieses MoMA.
Als wir das Museum betraten, war ich allerdings doch erst einmal froh drinnen zu sein, weil es draußen schüttete, als wollte sich die Stadt selbst ertränken. Kein gutes Wetter für jemanden mit einer so miesen Laune wie mich, aber auch ganz sicher kein Wetter, um draußen herumzulaufen. Also fügte ich mich meinem Schicksal, unterdrückte einen tiefen Seufzer und versuchte, mir nichts anmerken zu lassen. Das war allerdings nicht einmal nötig, da Tessa schon ein lebhaftes Gespräch mit einer ihrer Kolleginnen begonnen hatte, kaum dass wir uns ein paar Schritte vom Eingang entfernt hatten. Ich sah mich um. Genauso wie ich es mir vorgestellt hatte: Groß, nüchtern und unglaublich weiß nach dem Dämmerlicht draußen. Überall Kunst, die nicht nur an den Wänden sondern auch von der Decke hing und dazwischen erstaunlich viele Menschen. Der einzige Lichtblick war das Museumscafé das mir sofort ins Auge fiel. Vielleicht hatte ich dort ja eine Chance auf einen anständigen Cappuccino – außer mir schien sich kaum ein anderer Amerikaner etwas aus gutem Cappuccino zu machen. Vielleicht hatte ich aber auch hier einfach den falschen Geschmack. „Es tut mir echt Leid Sis”, riss Tessa mich plötzlich aus meinen Gedanken, „Ich wollte dich ja eigentlich selbst ein bisschen herumführen, aber ich hab gerade erfahren, dass gleich eine Besprechung für die neue Ausstellung stattfindet. Da muss ich auf jeden Fall dabei sein. Ich hab mit Betty hier“, sie zeigte auf ihre Kollegin, die mich freundlich anlächelte, „abgesprochen, dass du so reinkommst. Du bist ja mein Lieblingsschwesterchen. Naja du kannst dich ja auch erst mal alleine umschauen, ich finde dich dann schon wenn wir mit unserer Besprechung fertig sind.“ Ich wollte gerade einwenden, dass ich ja genauso gut im Café auf sie warten könnte, aber als ich merkte, mit welcher Begeisterung sie mich Richtung Ausstellungsbeginn zog, ließ ich es doch bleiben. Ich konnte ihr ja wenigsten eine Chance geben und ich wollte sie wirklich nicht kränken. Daher sagte ich nur: „Okay, ich finde mich schon zurecht. Kümmere du dich mal um deine neue Ausstellung. Wir sehen uns dann nachher.“ „Bist ein Schatz! Jetzt muss ich aber echt los!“, antwortete Tessa, warf mir eine Kusshand zu und rannte in ihren knallgrünen Stiefeletten erstaunlich schnell los, um nicht noch zu spät zu kommen. Ich sah ihr noch nach bis ihr brauner Lockenkopf um die nächste Ecke verschwunden war und machte mich dann auf den Weg.
Anfangs wanderte ich eine halbe Stunde ziellos durch die hohen weißen Räume und versuchte etwas zu finden das mich interessieren könnte oder wenigstens schön aussah. Leider war diese Suche ziemlich niederschmetternd. Für mich stellte einfach nichts von diesen ganzen Kunstwerken etwas Verständliches dar. Resigniert und missmutig ließ ich mich auf eine der Bänke fallen, die mitten in dem riesigen Raum standen. Sie war nicht einmal besonders bequem aber immerhin konnte ich hier auf Tessa warten und wenigstens so tun, als würde ich mir ihre Kunst ansehen. Ich starrte das Bild an der Wand gegenüber so lange an ohne es wirklich zu sehen, bis es vor meinen Augen zu einer undurchsichtigen und nutzlosen Farbansammlung verschwamm. „Eigentlich macht es gar keinen Unterschied“, dachte ich. Was war Kunst für mich mehr als eine undurchsichtige und nutzlose Ansammlung von Farbe? Dieser Gedanke gab meiner Resignation den Rest, aber ich starrte noch eine Weile weiter, nur um etwas zu tun. Ich fragte mich gerade, ob ich nicht doch einfach zurück in die Wohnung fahren und Tessa mit einer Ausrede vertrösten sollte, als plötzlich jemand direkt neben mir lautstark nieste. Das erschreckte mich so sehr, dass ich instinktiv aufsprang. Ich hatte gar nicht bemerkt, dass sich jemand neben mich gesetzt hatte. Verlegen drehte ich mich um, um zu sehen wer mich so abrupt aus meinen Gedanken gerissen hatte. Es war ein großgewachsener Herr, etwa um die Vierzig mit kurzem braunem Haar und einer unglaublich winzigen Brille auf seiner eher großen Nase, die er sich gerade mit einem altmodischen Stofftaschentuch geräuschvoll schnäuzte. „Oh Pardon, ich wollte Sie nicht erschrecken “, entschuldigte er sich, während er sein Taschentuch wieder in der Innentasche seines karierten Sakkos verschwinden ließ. „Ach so ja … nein haben Sie nicht… wollte sowieso gerade aufstehen…“ brummelte ich vor mich hin und versuchte seinem aufmerksamem Blick auszuweichen. Ich hasste solche peinlichen Momente und verfluchte wie so oft meine alberne Schreckhaftigkeit. „Ach wirklich?“, erkundigte sich der Herr im karierten Sakko, „Für mich hatte es eher den Anschein, als würde dieses Gemälde Sie geradezu fesseln.“ „Wenn ich ehrlich sein soll – ich habe es gar nicht genau angesehen“, gab ich kühl zurück, „Wenn Sie mich also entschuldigen…“ „Ich wollte Sie wirklich nicht vertreiben. Setzen Sie sich ruhig wieder“, sagte der Herr im karierten Sakko freundlich und rutschte ein Stück zur Seite. „Sie sollten es sich doch einmal genauer betrachten. Es lohnt sich wirklich.“ Unschlüssig, wie ich mich möglichst unauffällig aus der Affäre ziehen konnte, warf ich einen gelangweilten Blick auf das so hoch gelobte Stück Leinwand mitten an der kahlen, weißen Wand. Zugegeben, es war nicht schlecht gemacht und auch nicht wirklich hässlich, was für meine Verhältnisse schon ein großes Kompliment darstellte. Trotzdem wusste ich nicht, was so besonders daran sein sollte, eine einfache Alltagssituation zu malen, auch wenn sie wohl aus dem letzten Jahrhundert stammte. Da stand ein Mann an einer altmodischen roten Zapfsäule auf einer kleinen Tankstelle im Nirgendwo. Dahinter führte die Straße in ein dunkles Waldstück, die Tankstelle selbst war schon hell erleuchtet. „Sie finden es doch gar nicht so schlecht wie Sie dachten, hab ich recht?“ der Herr lächelte mich erwartungsvoll an. Plötzlich begannen die Augen hinter seinen winzigen Brillengläsern förmlich zu leuchten. „Wissen Sie was? Sie erinnern mich an Mr. Walkers Tochter!“, sagte er strahlend. „Da müssen Sie mich verwechseln. Ich kenne keinen Mr. Walker“, gab ich irritiert zurück, „Ich muss jetzt wirklich gehen.“ Ich drehte mich um und begann, den schnellsten Weg Richtung Ausgang und Café zu suchen, was gar nicht so einfach war, weil alles so gleich aussah und überall Menschen im Weg herumstanden. „Setzen Sie sich doch noch einen Augenblick hin, dann erzähle ich Ihnen von Mr. Walker und seiner Tochter. Wenn Sie erst einmal die ganze Geschichte hinter dem Gemälde gehört haben, werden Sie es mögen!“, rief der Herr mir zu. Dieser Satz schien mich zu verfolgen… Wenn es ihm so wichtig war, seine Geschichte von seinem blöden Bild zu erzählen, konnte ich genauso gut hier sitzen bleiben und auf Tessa warten. Ich hätte mir ohnehin keinen Cappuccino kaufen können, denn, wie mir bei näherer Überlegung auffiel, hatte ich mein Geld vor lauter Protest in der Wohnung liegen gelassen. Außerdem war ich doch ein bisschen neugierig geworden. Also setzte ich mich wieder zurück auf die Bank, unterdrückte zum wiederholten Mal an diesem Tag einen entnervten Seufzer und setzte mein freundlichstes Lächeln auf. „ Na dann erzählen Sie mir, was es mit diesen Walkers auf sich hat, an die ich Sie angeblich erinnere“, sagte ich und setzte mich zurecht. „ Ich wusste es doch!“, bemerkte der Herr mit einem triumphierenden Ausdruck um seine winzige Brille und schlug ein langes Bein über das andere. „Dann lassen Sie mich kurz nachdenken…wie soll ich anfangen? Nun gut, also die Walkers, das heißt Mr. und Mrs. Walker und ihre beiden Kinder – ach wie hießen sie noch gleich? Die Tochter, von der ich Ihnen erzählen wollte und ihr älterer Bruder…ach ja, Lindsey und Phillip. Die Walkers also besaßen seit Kurzem eine kleine Tankstelle einige hundert Meilen westlich von New York. Sie war recht einsam gelegen, nur das Wohnhaus und das Tankstellengebäude mit einem großen Hof daneben an einer Landstraße. ‚Wenn die Leute nicht wüssten, dass es hier bei uns günstig ist und sie einen guten Service bekommen, würden sie sich gar nicht hier her verirren‘, pflegte Mr. Walker immer scherzhaft zu sagen wann immer sich eine Gelegenheit dazu bot. Aber genug davon, ich wollte Ihnen ja eigentlich von der Tochter erzählen. Lindsey Walker, sie war ein hübsches kleines Mädchen und hatte schon immer ihren eigenen Kopf. Sie war gerade erst in die Schule gekommen. Ihr Bruder Phillip ging bereits in die vierte Klasse und er liebte seine Schwester über alles. Jedes Mal wenn sie auf dem Schulhof in einen Streit geriet war er sofort zur Stelle um sie zu verteidigen. Auch nachmittags nach der Schule unternahmen die beiden immer etwas gemeinsam, was sich jedoch in diesem Sommer geändert hatte. Lindsey hatte nämlich beschlossen grundsätzlich in ihrem Zimmer zu bleiben und dort zu spielen, denn wie ich Ihnen schon erzählt habe, fand sie alles was sie nicht kannte uninteressant. So auch die nähere Umgebung ihres neuen Zuhauses, was nicht selten zu Streit mit ihrem Bruder führte, der mit ihr draußen etwas unternehmen wollte. An diesem einen Abend, von dem ich Ihnen eigentlich erzählen wollte, kam es doch dazu, dass Lindsey mit ihrem Bruder in das Wäldchen hinterm Haus gehen musste, weil sie eine Wette gegen ihn verloren hatte.
Es war ein lauer Sommerabend Ende Juli, die Wiesen rund um die Tankstelle waren gelb von der Trockenheit des Sommers und raschelten leise im aufkommenden Abendwind, der auch den Wald in ein monotones Rauschen versetzte. Die Sonne war gerade hinter den Baumwipfeln verschwunden und im Waldesinneren herrschte bereits Dunkelheit. Mrs. Walker war gerade dabei das Abendessen vorzubereiten, als Phillip ihr durchs geöffnete Küchenfenster zurief, dass er und Lindsey noch kurz in den Wald gehen würden. Sie dachte sich nichts Großes dabei und rief nur zurück, dass sie nicht mehr so lang draußen bleiben sollten, weil das Abendessen fast fertig sei und es bald dunkel sein würde. Dann wandte sie sich schnell wieder ihren Kartoffel zu, die am überkochen waren. Also liefen die beiden los, Phillip voller Begeisterung und Neugier und ein Stück hinter ihm Lindsey, trotzig vor sich hin murrend. Als sie gerade die ersten Bäume erreichten blieb sie plötzlich stehen. ‚Ich geh da nicht rein Phil! Ist mir egal was du sagst, aber da ist es doch stockfinster‘, rief sie ihrem Bruder hinterher, ‚Das war sowieso eine blöde Idee und du bist genauso blöd!‘ Sie verschränkte die Arme und starrte Phillip mit zusammengepressten Lippen an. ‚Ach ja? Ich bin blöd? Du hockst ja immer nur doof drinnen rum und machst nichts! Außerdem hast du doch bloß Angst im Dunkeln!‘, konterte er. Lindsey wollte ihm gerade noch etwas entgegenbrüllen als plötzlich ein schlanker brauner Schatten hinter Phillip durch die Bäume huschte. ‚Ein Reh Phil! Da!‘ rief Lindsey begeistert und wedelte wild in die Richtung in die der Schatten verschwand. ‚Wo?‘ ‚Es ist da lang!‘ Lindsey rannte los, mit Phillip auf den Fersen, mitten in das Zwielicht zwischen den Bäumen hinein. Phillip überholte sie und versuchte dem braunen Schatten zu folgen, aber natürlich verlor er das Reh bald aus den Augen. Trotzdem rannte er noch weiter zwischen den dichter werdenden Bäumen entlang, in der Hoffnung es doch noch zu entdecken. Lindsey folgte immer ein kleines Stück hinter ihm. Erst als er vor sich eine hellere Stelle erkennen konnte, wurde er langsamer und versuchte, in dem Dämmerlicht auszumachen was es war. Sie hatten die Landstraße getroffen, die auch an ihrem Haus vorbeiführte. Noch keuchend von dem vielen Rennen blieb er stehen und drehte sich nach seiner Schwester um, die ihn mittlerweile eingeholt hatte. ‚Das war lustig!‘, kicherte sie, ‚Nur schade, dass wir es verloren haben…‘ Nach einer kleinen Pause fragte sie: ‚Was ist das für eine Straße da vorne?‘ ‚Na die Landstraße du Dummerchen!‘, sagte Phillip und gab ihr einen leichten Klaps auf den Hinterkopf, den sie ihm sofort zurückgab. ‚Hey! Naja, die Straße können wir bis nach Hause entlang gehen. Hier ist es ja auch noch ein bisschen heller‘, erklärte Phillip fachmännisch. ‚Ich hab sowieso keine Angst im Dunkeln!‘ behauptete Lindsey, obwohl sie sich da gar nicht mal so sicher war. ‚Dann können wir ja los. Ich hab nämlich ziemlichen Hunger!‘, sagte Phillip und die beiden begannen ihren Rückweg durch den düsteren Wald.
Zur gleichen Zeit kam Mr. Walker gerade in die Küche und begann sich die Hände zu waschen, die von dem Tag an der Tankstelle immer recht schmutzig waren. ‚Wo sind denn die Kinder, Harriet?‘ fragte er seine Frau und gab ihr einen Kuss auf die Wange. ‚Ich dachte sie sind draußen bei dir‘, antwortete sie, ‚Sie wollten noch kurz in den Wald gehen, aber wie ich Lindsey kenne müssten sie schon längst wieder da sein. Es ist doch schon fast stockdunkel.‘ Besorgt zog sie die Augenbrauen zusammen. ‚Nein also ich habe sie draußen nicht mehr gesehen. Sie müssen die Zeit vergessen haben und noch im Wald sein. Am besten geh ich sie holen.‘ sagte Mr. Walker, nahm die große Stabtaschenlampe vom obersten Brett des Küchenregals und machte sich auf den Weg durch die Hintertür nach draußen. ‚Warte, ich komme mit!‘, rief Mrs. Walker und folgte ihrem Mann in die laue Sommernacht. Die beiden liefen ums Haus und über den beleuchteten Tankstellenhof und riefen nach den beiden Kindern. Als sie aber auch zwischen den ersten Bäumen niemanden finden konnten, kroch langsam ein hohles Gefühl der Angst in Mrs. Walker hoch. ‚ Und wenn sie sich im Wald doch verlaufen haben, Andrew?‘ Sie versuchte ruhig zu klingen, aber ihre Stimme war unnatürlich hoch. ‚So groß ist das Waldstück auch nicht. Und wenn, dann haben sie bestimmt irgendwann die Landstraße wiedergefunden und die führt sie direkt nach Hause. Wir gehen ihnen einfach ein Stück an der Straße entlang entgegen.‘, versuchte Mr. Walker sie zu beruhigen. ‚Und wenn ihnen auf der Landstraße ein Auto entgegen gekommen ist und der Fahrer hat sie zu spät gesehen?‘, fragte Mrs. Walker erschrocken. ‚Da mach dir keine Sorgen, Harriet. Hier ist kein Auto mehr vorbei gekommen, seit der letzte Kunde, dieser schrecklich nervöse Mensch aus New York, vorhin gefahren ist und der musste in die andere Richtung. Geraucht wie ein Schlot hat der und das an der Tankstelle…Komm wir werden die Kinder schon finden.‘ Die beiden begannen an der leeren Landstraße entlang in das Waldstück zu gehen und den Wald links und rechts mit der Taschenlampe abzusuchen und riefen immer wieder die Namen der Kinder. Eine ganze Zeit lang streifte der helle Lichtkegel der Lampe jedoch nur Bäume und Gestrüpp und warf bizarre Schatten in die Nacht. Sie hörten nichts außer ihren eigenen Rufen und dem plötzlichen Rascheln der vom Licht aufgeschreckten Tiere. Als sie sich schon dem anderen Ende des Waldstücks näherten, blieb Mrs. Walker abrupt stehen und fasste ihren Mann am Arm: ‚Da war was, Andrew!‘ Und tatsächlich, da war sie wieder, Phillips Stimme: ‚Mum, Dad hier sind wir! Mum! Dad!‘ Sofort liefen beide los in Richtung der Rufe und nach einer weiteren Straßenbiegung sahen sie zu ihrer großen Erleichterung ihre beiden Kinder mitten auf der Landstraße auf sie zu rennen. Die ganze Familie fiel sich in die Arme. ‚Was macht ihr denn für Sachen?‘, seufzte Mr. Walker und schüttelte den Kopf. ‚Gut, dass euch nichts passiert ist. Ihr habt uns einen ganz schönen Schrecken eingejagt!‘, sagte Mrs. Walker mit Tränen der Erleichterung in den Augen. ‚Wir hätten fast ein Reh gefangen, Mum!‘, berichtete Lindsey nicht ohne Stolz und löste sich wieder aus der Umarmung. ‚Ja, aber dann ist es auf einmal richtig dunkel geworden und dann wollten wir die Straße einfach wieder zurücklaufen aber dann sind wir falschrum gelaufen…‘ ‚ Jetzt haben wir euch ja wieder gefunden.‘, unterbrach Mr. Walker den Redeschwall seines Sohns, ‚Kommt, ihr könnt uns die ganze Geschichte auch noch zuhause beim Abendessen erzählen.‘ ‚Oh ja Abendessen! Ich bin fast verhungert!‘, erklärte Phillip, dem plötzlich wieder eingefallen war, wie hungrig er eigentlich war. Mr. und Mrs. Walker nahmen ihre Kinder in die Mitte und so machten sie sich auf den Rückweg über die immer noch einsame Landstraße. Nachdem sie schon ein ganzes Stück des Wegs hinter sich gebracht hatten, fragte Lindsey ihre Eltern vorsichtig: ‚Und seid ihr auch nicht böse auf uns?‘ ‚Lin!‘, zischte Phillip sofort und kniff sie vorwurfsvoll in die Seite. Aber ihre Eltern hörten gar nicht hin. Die Kinder hatten es nicht bemerkt, aber je näher sie dem Ende des Waldstücks gekommen waren, desto heller war es geworden. Viel zu hell. Auch ein beißender Geruch lag in der Luft, erst kaum wahrnehmbar und dann immer stärker. Ein Geruch nach ‚Feuer!‘, stieß Mr. Walker entsetzt hervor, ließ die Taschenlampe mit einem lauten Klirren zu Boden fallen und rannte los. Mrs. Walker fasste ihre beiden Kinder krampfhaft bei den Händen und setzte langsam ihren Weg fort. Nach der nächsten Kurve konnten sie es dann endgültig durch die schwarzen Silhouetten der letzten Bäume sehen: Die Tankstelle mitsamt dem Wohnhaus brannte lichterloh. Ihr Zuhause, alles was sie besaßen stand in Flammen. Phillip und Lindsey waren vor Schreck ganz still geworden und doch konnten sie nicht umhin, das Ganze zu bestaunen wie etwas unwirkliches, etwas, das nichts mit ihnen und ihrer Welt zu tun hatte. Mrs. Walker stand zwischen den beiden und sah ihren Mann einige Schritte vor sich stehen. Eine schwarze Gestalt, die völlig regungslos vor dem Hintergrund aus grellen Flammen stand, die in einiger Entfernung aber doch viel zu nah ihr Zuhause auffraßen, gierig und bedingungslos wie ein riesiges, hungriges Tier. Irgendwo hinter den taghell erleuchteten Häusern hörte man die Sirene eines sich schnell nähernden Feuerwehrwagens, den man im nahen Nachbarort alarmiert haben musste. Auf einmal wurde Mrs. Walker etwas klar. ‚Dieser schrecklich nervöse Mensch aus New York.‘, murmelte sie tonlos und nahm ihre beiden Kinder zum zweiten Mal an diesem Abend fest in die Arme.“
Der Herr im karierten Sakko auf der Bank im Museum of Modern Art in New York machte eine Pause und sah mich erwartungsvoll an. Ich musste erst einmal meine Gedanken sortieren. Während er erzählt hatte, hatte ich kein Wort gesagt und hatte wohl auch alles um mich herum ausgeblendet. Jetzt quoll mein Kopf förmlich über vor lauter Fragen, aber ich brachte immer noch kein Wort heraus. Alles was ich fertigbrachte, war das Bild anzustarren. Wie friedlich doch diese Tankstelle im letzten Abendlicht lag und doch kam es mir so vor, als läge darin auch irgendeine unbestimmte Bedrohung. Es war nur die Ruhe vor dem Sturm. „Nun, das war die ganze Geschichte“, sagte der Herr schließlich und schnäuzte sich in sein altmodisches Taschentuch, „Verstehen Sie jetzt was ich meine?“ „Ich, ich weiß nicht…“, stammelte ich los. Dann fügte ich schnell hinzu „Aber ist das wirklich passiert? Ist das die Tankstelle und Mr. Walker da auf dem Bild? Und kannten Sie die Walkers?“ Die Frage hörten gar nicht mehr auf aus mir herauszusprudeln. „Das tut nichts zur Sache“, antwortete der Herr lächelnd und faltete sein Taschentuch wieder zusammen, „Es freut mich sehr, dass ich Sie doch habe begeistern können. Aber vergessen Sie nicht: Jedes Gemälde ist in gewisser Weise erfunden. Es ist ja keine Fotografie. Aber ob Wirklichkeit oder Phantasie des Künstlers, es gibt immer eine Geschichte dahinter. Die Geschichte, die hinter der Leinwand steckt.“ Als er sein Taschentuch wieder einsteckte, fielen mir zwei in blau darauf gestickte Buchstaben auf: P W. Bevor ich jedoch etwas fragen konnte, war er schon aufgestanden und hatte es auf einmal furchtbar eilig. „Ich muss mich jetzt leider verabschieden.“, sagte er und wandte sich zum Gehen. „Warten Sie!“, ich sprang ebenfalls auf und wollte ihm folgen. Ich hatte auf einmal so viele Fragen, die ich unbedingt loswerden musste und außerdem wollte ich mich noch für die Geschichte bedanken. „Auf Wiedersehen“, rief er mir schon vom anderen Ende des Raumes zu, „Es war schön, Ihre Bekanntschaft zu machen.“ „Jetzt warten Sie doch! Sind Sie …“, fing ich an, doch bevor ich weiterkam war er schon aus meinem Blickfeld verschwunden. Verschluckt von einer Gruppe schnatternder Touristen. Als sie sich verzogen hatten, war es natürlich schon zu spät. Keine Spur von dem Herrn im karierten Sakko.
Seit diesem Tag war ich regelmäßig bei meiner Schwester im Museum, wenn draußen der Regen auf die unzähligen Straßen New Yorks niederprasselte. Tessa und ich kamen noch oft an dem Gemälde von der Tankstelle im Abendlicht vorbei. Ich fragte sie sogar über dessen Künstler aus, aber sie hatte noch nie etwas von einer Familie Walker im Zusammenhang mit diesem Gemälde gehört und schüttelte nur den Kopf und sagte: „Ach Schwesterherz!“, so wie sie das immer tat, wenn sie mich nicht verstand. Den Herrn im karierten Sakko sollte ich nie wieder sehen, seine Geschichte jedoch blieb mir im Gedächtnis hängen: Die Geschichte, die hinter der Leinwand steckt.