Anne Mack: Die offene Tür

Sie ging die Straße entlang. Nein. Sie ging nicht. Sie rannte. Der große Mann mit dem noch größeren Stock in der Hand war dicht hinter ihr. Schwer zu sagen, ob er in der Lage war, sie weiter zu verfolgen. Normalerweise gaben die Männer nach ein paar hundert Metern auf, doch dieser schien besonders hartnäckig zu sein. Sie waren schon am anderen Ende der kleinen Stadt angekommen.
Eigentlich hätte sie wissen müssen, dass das Klauen um diese Uhrzeit zu gefährlich war, doch sie hatte seit Tagen kein Tier mehr erwischt. Der nahende Winter machte ihr jetzt schon zu schaffen. Wie sollte das erst in ein paar Wochen werden, wenn die Erde komplett zugefroren sein würde?
An diesem Tag zur Mittagszeit hatte der Hunger den Verstand besiegt. Die Geduld war vorbei, dass ihr zufällig eine Maus über den Weg lief. Das würde nicht passieren. Niemals. Der Winter hat dafür schon einen zu großen Schatten geworfen. Außerdem waren selbst die Mäuse schlau genug, dem Feind nicht über den Weg zu laufen.
Ihr war gerade genau das passiert.
Sie bog in die Straße zu ihrer linken ein, was sich als ein Fehler herausstellte. Eine Sackgasse. Das musste ja passieren. Eine einzige Holztür stellte den Durchgang zur anderen Seite der Mauer dar.
Die Tür war zu groß, zu schwer und zudem verschlossen. Sie würde sie niemals aufbekommen. Dafür war sie einfach zu klein, jedoch gab sie die Hoffnung nicht auf. Es war schon oft knapp gewesen zwar noch nie so knapp, aber das Kratzen an der Tür schien einen Versuch wert zu sein.

Die Welt schien stehen zu bleiben. Der Mann blieb plötzlich stehen und erst da fiel ihr auf, dass sich die Tür um einen Spalt geöffnet hatte. Es war ein kleiner Spalt,doch groß genug um hindurch zu schlüpfen.
Sie betrat ein Haus und lief in ihrer Unachtsamkeit fast gegen eine Frau, die sich zu ihr hinunter beugte. Sie machte einen Satz nach hinten, wollte wegrennen, doch die eine Tür war verschlossen, während die andere wieder zu dem Mann führen würde. Sie fragte sich, ob der Mann oder die Frau die bessere Entscheidung wäre. Sie entschied sich für die Frau.
Als sie sich umdrehte entdeckte sie eine Schale, die mit Wasser gefüllt war. Direkt daneben stand eine andere, in der sich duftende braune Stücke befanden. Es duftete herrlich nach Fleisch. Ihr blieb keine andere Wahl als es zu fressen. Sie musste einfach. Blitzschnell war sie fertig, drehte sich um und sah wieder die schwarzhaarige Frau, die sie gerettet hatte. Die Frau bückte sich erneut nach ihr. Diesmal ließ sie es zu. Ihr Körper war stocksteif, doch das schien die Frau nicht zu interessieren. Denn nun wurde ihr ein blaues Band um den Hals gelegt, das perfekt zu ihrem weißen Fell passte.

Sie sah sich erneut um und entdeckte ein gutes Versteck. Ein altes Regal, das dreißig Zentimeter bis zum Boden Platz ließ, schien ihr genau richtig zu kommen. Sie versteckte sich und ließ keinen Schritt der Frau unbemerkt. In der Nacht schlief sie nicht. Sie hatte noch nie nachts schlafen können. Sie musste aufpassen, dass kein Feind in der Nähe lauerte und so tat sie es auch in dem Haus der Frau, die ihr Freiraum ließ, nicht mehr kam und am nächsten Morgen noch eine Schale mit den Fleischbrocken auf dem Boden platzierte. Eigentlich hatte sie keinen Hunger, doch sie wusste nicht wann sie wieder etwas bekommen würde. Außerdem waren die Fleischbrocken zu lecker, um sie einfach so stehen zu lassen. Es war schon zu lange her, dass sie zwei derart große Mahlzeiten innerhalb weniger Stunden zu sich genommen hatte.

Die Frau war wieder gegangen, doch nun kam sie zurück. Mit einer Leine in der Hand. Sie warf ihr eine Hand voll Kekse zu. Sie war einen Moment unachtsam, als sie die Kekse aufhob und diesen unachtsamen Moment nutzte die Frau aus: Sie leinte sie an. Panik überkam sie. Sie versuchte sich loszureißen, doch gegen die bullige Frau hatte sie nicht den Hauch einer Chance. Zu schwach. Zu klein. Zu naiv. Vor allem zu naiv. Wenn sie aufgepasst hätte, wäre ihr das nicht passiert.
Sie machte einen Satz nach hinten, nach vorne, zur Seite. Nichts half. Sie warf dabei nur etwas zu Boden, was direkt neben ihr zu Bruch ging. Dieser Schock ließ sie erstarren. Sie tat keinen Schritt mehr. Weder nach vorne, nach hinten oder zur Seite.
Nach einigen Minuten schien die Frau ungeduldig zu werden, zog an der Leine, doch keine Chance. Sie würde sich nicht bewegen. Niemals. Sie stieß einen Fluch aus und nahm sie in die kräftigen Arme. Sie zappelte, wollte runter, zurück in ihr Versteck, doch gegen diese Frau hatte sie eben keine Chance. Sie war einfach zu klein, zu schwach und zu leicht, doch vor allem immer noch zu naiv. Wie konnte sie glauben, dass sie entkommen konnte? Von nun an hielt sie still, um ein neues Unglück zu vermeiden. Die Frau setzte sie in einen Käfig, der sich auf der Ladefläche eines großen Wagens befand. Sie machte die Tür zu und schon saß sie in der Falle. Ihr blieb nichts anderes übrig als sich den Weg zu merken, die Gerüche einzuprägen.
Sie kamen zu einem strahlenden kastenförmigen Haus, das kaum größer war als ein paar ihrer größeren Artgenossen hintereinander. Der Käfig wurde von der Ladefläche gehoben. Sie versuchte sich gegen die Rückwand des Käfigs zu drücken. Sie hatte Angst. Artgenossen kamen schon mit großen Schmerzen von dem Container zurück.
Ihr Käfig würde auf einen Tisch gestellt. Der Raum war geräumig. Es befanden sich kleine Schränke an der Wand und ein Stuhl im Eck, auf den sich die Frau setzte. Sie schien den Mann zu kennen, der kam. Sie gab ihm die Hand und eine freundliche Atmosphäre erhellte den Raum. Oder war es die Lampe, die angeschaltet wurde?
,, Der Kleine wurde bedroht und lief zu mir „, meinte die Frau.
,, Verstehe“, sagte der Mann knapp und wendete sich ihr zu.
Sie spürte, wie sich in ihrem Körper irgendwas vor Angst zusammen zog. Ihr ganzer Körper war angespannt. Der Mann streichelte ihr über den Kopf. Das schien nett gemeint zu sein. Hoffentlich.
Nach einigen Abtasten meinte der Mann:,, Der Hund scheint gesund zu sein. Morgen ist eine Überfahrt nach Deutschland. Da sie nicht aggressiv ist, wäre sie ein guter Kandidat für das deutsche Tierheim.“
Der Mann schien erfreut zu sein. Er hielt ihr einem Keks hin, doch Essen war für sie unmöglich. Sie war zu aufgeregt. Zu ängstlich.
,, Das wäre toll“, flötete die Frau. Der Ton war derart schrill, dass er ihr einen Schauer über den Rücken jagte.
Der Mann holte eine Art Zange, die sie zurückschrecken ließ, wobei sie fast rückwärts von dem Tisch gefallen wäre.
Der Mann schien eine geübte Hand zu haben und ein stechender Schmerz erfüllte ihr Ohr. Es fühlte sich schwerer und kalt an, als hätte er ihr eine Marke an das rechte Ohr gehängt.

An den Rest des Tages konnte sie sich nicht mehr erinnern. Sie wusste nur, dass der Mann ihr zuletzt etwas silbernes unter die Haut gesteckt hatte und die Welt dann langsam zusammen mit ihren Farben erblasste. ,,Damit die Kleine ein wenig schlafen kann. Der Tag morgen wird eine Herausforderung für sie werden“, meinte er.
Sie öffnete ein Auge, doch das wäre gar nicht nötig gewesen, denn in dem Raum war es stockfinster. Nacht. Träumte sie das nur? Konnte sie nicht mehr sehen?
Ihr Körper fühlte sich leicht an. Sie hatte das Gefühl ausgeruht zu sein. Dieses Gefühl hatte sie noch nie zuvor erlebt, doch es fühlte sich gut an. Sie hätte sich glatt daran gewöhnen können.

Sie hörte ein Bellen. Ein Zweites. Noch ungefähr zwanzig weitere Rufe von Artgenossen, die sie zwar nicht sehen, aber deutlich hören konnte. Sie hatten die schrillen Stimmen, die nur bei Panik vorkamen.
Die Panik überkam sie nun ebenfalls. Wo bin ich hier? Sie wollte aufstehen. Wegrennen. Alles, was sie erreichte, war ein Stoß mit dem Kopf gegen einen Käfig. Gegen ihren Käfig. Ihr Kopf begann zu pochen. Sie heulte auf. Zu laut. Die anderen stimmten mit ein, was ihrem Kopf nicht gerade gut tat, doch sie fühlte sich nicht mehr alleine. Die sind auf meiner Seite.
Eine Tür öffnete sich. Durch den hellen Lichtschein erkannte sie die Umrisse eines Mannes, die ihr neben dem Geruch bekannt vorkamen.
Er kam direkt auf sie zu. Da erkannte sie ihn: Der Mann vom Tag zuvor! Er holte eine Lampe aus seiner Tasche hervor und leuchtete sie an. Der Lichtschein brannte in ihren Augen. Er kam bis direkt an den Käfig. Sie hätte versuchen können, ihn zu beißen, stattdessen machte sie einen Satz zurück und stieß dabei gegen die Rückwand des Käfigs. Sie ignorierte die Hilferufe der anderen. Es gab nur noch sie und den Mann.
Sie drängte sich in eine Ecke, was dem Mann gar nicht zu gefallen schien, denn er öffnete den Käfig und zog sie am Halsband zu sich heran. Das war ihre Chance. Ein biss und sie wäre frei, doch sie konnte es nicht. Sie bewegte sich nicht. Keinen Zentimeter.
Er lächelte und ließ sie bereits nach wenigen Sekunden wieder los. Sie ging mit kleinen, schnellen Schritten wieder zur Rückwand des Käfigs. ,,Wenn du wüsstest“, meinte er mit einem noch breiteren Grinsen, welches den Raum scheinbar noch heller machte. Sie hatte das Gefühl, einen Menschen gefunden zu haben, dem sie vertrauen konnte. Das war der erste, für den sie jemals ein solches Gefühl gehabt hatte.
Sie war traurig, als er wieder ging. Eigentlich hatte sie gehofft, dass er sie wieder in ihr Versteck draußen, außerhalb der Stadt, brachte. Dann fiel ihr ein, dass niemand dieses Versteck kannte. Hoffentlich. Der Mann wirkte allgemein nicht so wach wie am Tag zuvor. Sie hatte ihn aus dem Schlaf geholt.
Die anderen waren auch wieder leiser geworden.
Sie legte sich hin. Ihr blieb nichts anderes übrig, als zu warten und zu hoffen, dass der Mann wiederkommt. Dabei hatte sie immer mindestens ein Auge offen, auch wenn es im Raum sowieso dunkel war. Man kann nie vorsichtig genug sein.
Der Mann kam schon wenig später zurück, wirkte angespannt. Nervös. Eine fremde Frau war bei ihm. Sie redeten kein Wort miteinander. Jedenfalls konnte sie nichts verstehen, denn die anderen hatten ihre Höchstlautstärke erreicht. Sie konnte spüren, dass sie genauso aufgeregt waren wie sie selbst.
Ihr Käfig wurde wie aus dem Nichts angehoben. Panik durchfuhr ihre Glieder. Sie bemerkte, dass es der Mann war und wurde ein wenig ruhiger. Nicht schaukeln! Dadurch wird es nur schlimmer!
Sie hielt sich an ihr Vorhaben, stellte sich zitternd in die Mitte des Käfigs und hoffte, dass sie sich in dem Mann nicht getäuscht hatte.
Er warf ihr ein Lächeln zu, welches ihr ein wenig Mut machte. Jetzt hast du einmal im Leben die Möglichkeit, deinen Mut zu beweisen. Also tu das auch!
Sie riss sich zusammen.
Es regnete draußen und es war dunkel und kalt. Nicht ungewöhnlich in Rumänien. Es wunderte sie nur, dass es nicht schneite.
Ein großes, weißes Auto stand in der Einfahrt bereit. Im Hintergrund entdeckte sie den kleinen Raum, in dem sie gestern schon gewesen war. Ihr Käfig wurde in den Kofferraum gehoben.
,,Ist das nicht der, der schon ´ne Familie hat?“, fragte die Frau, welche mit einem anderen Käfig mit einem schwarzhaarigen Artgenossen auftauchte. Der Mann nickte knapp und lächelte in ihre Richtung. ,,Jetzt bekommst du ein besseres Leben, du Glückspilz“, meinte er. Es war, als könne sie spüren, dass er Recht behalten sollte.