Ermordet, weil er unangepasst war – Robert Domes berichtet über das kurze Leben des Ernst Lossa

Robert Domes las am 18.01. aus seinem Roman „Nebel im August“, dessen Verfilmung im letzten Herbst in den deutschen Kinos lief. Den Schülerinnen und Schülern des Jahrgangs 10 der Herderschule brachte Domes mit einem engagierten und eindringlichen Vortrag das Schicksal des Ernst Lossa nahe, der im Alter von 14 Jahren ein Opfer des NS-Euthanasieprogramms wurde. Darüber hinaus gab der Autor einen tiefen Einblick in die Recherche, die zur Entstehung des Romans geführt hat, und beantwortete ausführlich Fragen aus dem Publikum.

Der Gießener Anzeiger schrieb am 31.01.2017 über die Lesung:

Robert Domes berichtet an Herderschule Gießen vom Schicksal des Ernst Lossa / Verfilmt als „Nebel im August“

„Für Ernst Lossa ging es immer nur bergab. Bis er im Alter von 14 Jahren ermordet wurde. Mit zwei Morphium-Spritzen in der Heil- und Pflegeanstalt Irsee. Dort war der Junge seit rund 18 Monaten untergebracht, doch er war weder geisteskrank noch behindert. Im Gegenteil: Ernst Lossa war aufgeweckt, hilfsbereit und schlau. Aber er war auch ein unangepasstes Kind, wohl nicht ganz einfach, und wurde immer wieder bei kleineren Diebstählen erwischt. Für die Nationalsozialisten Grund genug, ihn als „Psychopath mit asozialen Neigungen“ zu brandmarken, ihn als „gemeinschaftsunfähig“, als „selten stark abartiges Kind“ erst jahrelang wegzusperren und dann am 9. November 1944 zu töten. Damit war er einer von mehr als 2300 Patienten, die in Irsee und der dazugehörigen Hauptanstalt Kaufbeuren im Zuge des NS-Euthanasieprogramms umgebracht wurden.

 Der Journalist Robert Domes erzählt das Schicksal von Ernst Lossa und seiner Familie in der einfühlsamen Romanbiographie „Nebel im August“, die im Herbst als Spielfilm in den deutschen Kinos gestartet ist. Gerade ist die Verfilmung auch in Italien angelaufen, die Übersetzung des Buches soll noch in diesem Monat erscheinen. Und nun sitzt Robert Domes in der Mensa der Herderschule, berichtet von seinen aufwendigen Recherchen und liest mehrere Passagen vor. Geschichtslehrer der zehnten Klassen sind mit ihren Schülern gekommen. Ernst Lossa war ungefähr so alt wie die Gießener Teenager, als ihm die tödlichen Spritzen verabreicht wurden.

Im bayerischen Kaufbeuren hatte der 55-Jährige die Lokalredaktion der Allgäuer Zeitung übernommen, als „diese Geschichte mich gefunden hat“. Die psychiatrische Klinik ist der größte Arbeitgeber in der Stadt und deren Leiter Michael von Cranach zeigte dem Journalisten die Krankenakte von Ernst Lossa mit dem Hinweis: „Da steckt ein Roman drin.“ Vor allem das Foto des Jungen, das den nur knapp 20 Seiten beigeheftet war, habe ihn nicht mehr losgelassen, erinnert sich Domes. „In den Augen des Jungen herrscht eine Mischung aus Sehnsucht und Kampfeslust, Verlorenheit und Trotz, Pfiffigkeit und Melancholie, Neugier und Angst.“ Deshalb stand alsbald fest, dass er dieses Schicksal erzählen möchte. „Wir betrachten die Opfer aber falsch und sehen nur ihren Tod.“ Der Familienvater wollte indes das Leben von Ernst Lossa beschreiben. Wäre ihm damals schon bewusst gewesen, dass er dafür fünf Jahre recherchieren muss, „hätte ich das nie gemacht“, gibt er freimütig zu. Doch erst hat der Redaktionsleiter den Dienst quittiert, und „dann habe ich mir das Leben des Jungen zusammengepuzzelt“.

Der kleine Ernst war das erste Kind von Anna und Christian Lossa. Bald folgten zwei Töchter und noch ein kleiner Sohn. Die Eltern gehörten zu den Jenischen, die als fahrende Händler in Süddeutschland unterwegs waren, Stoffe und Kurzwaren an der Haustür verkauften. Der Begriff ist in Deutschland kaum bekannt, obgleich sich heute noch rund 100 000 Menschen zu dieser Volksgruppe zählen. Da die Jenischen in ähnlichen Berufen tätig waren wie viele Sinti und Roma, wurden auch sie als „Zigeuner“ diskriminiert und nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten zunehmend ausgegrenzt, entrechtet und getötet. Auch aus Gießen wurden im März 1943 jenische Familien als „Zigeunermischlinge“ ins Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau deportiert. Fast alle Männer, Frauen und Kinder wurden ermordet. Die wenigen Überlebenden kehrten nach der Befreiung in ihre Heimatstadt zurück. Bereits im Juli 1933 werden Ernst und seine Geschwister den jungen Eltern entrissen. Der Vierjährige kommt in ein Kinderheim, Amalie, Anna und der erst einen Monat alte Christian in ein Säuglingsheim. Ihre Mutter werden die Kinder nie wiedersehen, Anna Lossa stirbt zwei Monate später mit nur 23 Jahren, wohl an Tuberkulose. „Für Ernst beginnt nun eine Heimkarriere.“ Schon im Waisenhaus gilt er als „Störfaktor“. Er fällt mehrfach durch Diebstähle auf. Dabei wird er als einer der kleinsten von den großen Jungs drangsaliert und um Geld erpresst.

Jenische Familie

Mehr als zwei Jahre später werden auch die beiden Schwestern in das Kinderheim gebracht, der kleine Bruder ist da bereits gestorben. Ein Besuch des Vaters im Waisenhaus ist in den Akten dokumentiert, im Januar 1936 aber wird Christian Lossa im KZ Dachau interniert, als Nichtsesshafter und „Zigeuner“ mit „Arbeitszwang“ belegt. 1941 stirbt er im KZ Flossenbürg. Ernst wird mit zehn Jahren in ein Erziehungsheim der Nationalsozialistischen Volkswohlfahrt bei München verlegt, dort herrscht strenge Zucht und dort verfasst eine Ärztin das vernichtende Gutachten über den unangepassten Jungen. „Mit dieser Diagnose ist der Weg frei in die Heil- und Pflegeanstalt.“

Robert Domes hat bei seinen Recherchen etliche Zeitzeugen ausfindet gemacht. Die beiden Schwestern von Erst Lossa, die den Krieg überlebt haben, aber auch andere Patienten aus Kaufbeuren und Irsee. „Wenn Mist gebaut wurde, war Ernst wohl immer dabei.“ Aber es wird auch berichtet, dass er Brot oder Äpfel geklaut und an die anderen Insassen verteilt, mitunter auch verkauft hat. „Ich glaube, das Personal mochte ihn.“ Das ergebe sich aus den Ermittlungsakten der US-Amerikaner, die nach dem Ende der NS-Diktatur die Morde in den beiden Anstalten untersuchten. „Fast alle, die dazu gehört wurden, sagen etwas zu Ernst“, sagt Robert Domes. Als es 1949 in Augsburg schließlich zum Prozess gegen den Direktor Dr. Valentin Faltlhauser und verschiedene seiner Mitarbeiter kommt, fallen die Strafen äußert gering aus. Der Chefarzt wird nicht wegen Mordes, sondern nur wegen „Anstiftung zur Beihilfe zum Totschlag in mindestens 300 Fällen“ zu drei Jahren Gefängnis verurteilt wird. Wegen angeblicher Haftunfähigkeit bleibt ihm der Aufenthalt hinter Gittern erspart.

Robert Domes erzählt die Lebensgeschichte von Ernst Lossa in einer „Mischung aus Fakten und Fiktion“. Denn der Journalist wollte ein Buch verfassen, dass auch seine Kinder lesen können. „Deshalb sind 90 Prozent aus der Sicht des Jungens und nicht aus der Sicht der Täter geschrieben.“ Die Fakten in „Nebel im August“ hat der 55-Jährige akribisch recherchiert, „Szenen, Gefühle und Dialoge habe ich hinzugefügt“. Nachdem die Romanbiographie – und inzwischen auch die Verfilmung – mehrfach ausgezeichnet wurde, hat sich Robert Domes entschlossen, ein Sachbuch über das Schicksal der jenischen Familie zu veröffentlichen. Bislang aber habe sich dafür kein Verlag interessiert.“

Heidrun Helwig

http://www.giessener-anzeiger.de/lokales/stadt-giessen/nachrichten-giessen/robert-domes-berichtet-an-herderschule-giessen-vom-schicksal-des-ernst-lossa–verfilmt-als-nebel-im-august_17646640.htm

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